Weihnachten online – ein paar Ideen für 2020

von | Dez 9, 2020 | Allgemein

Unser Designer hat sich entschieden, dieses Jahr über Weihnachten zu Hause zu bleiben und nicht zu seinen Eltern zu fahren. Hier hat er aufgeschrieben, wie das Gespräch darüber abgelaufen ist und wie er trotzdem zusammen mit der Familie ein schönes Weihnachtsfest feiern will.

Es war Ende November und ich telefonierte mit meinen Eltern. Draußen war es komplett dunkel, klar, es war ja wahrscheinlich schon nach 15 Uhr… Ich ließ meiner Mutter gegenüber anklingen, dass wir uns vielleicht darauf einstellen sollten, dieses Jahr nicht gemeinsam Weihnachten zu feiern. Ich merkte, dass sie dieses Thema lieber noch nicht ins Haus lassen wollte. Sie zog es vor, es erstmal draußen anzuleinen: “Naja, lass uns mal schauen wie sich das Ganze entwickelt.” Bei meinem Bruder Thomas, der mit seiner Familie in Kopenhagen wohnt, stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest: mitten in der zweiten Pandemie-Welle zu viert und mit zwei kleinen Kindern in die Heimat reisen – das wäre, selbst wenn es erlaubt sein sollte, nicht nur ziemlich aufwändig sondern auch ganz schön riskant.

Meine Eltern sind beide über 60 und die anderen drei Familienmitglieder in der Heimat sind zwischen 89 und 98 Jahre alt. “Die können wir an Weihnachten nicht alleine zu Hause sitzen lassen”, sagte mein Vater, und das kann ich auch verstehen. Kontakt haben sie ja eh die ganze Zeit, weil meine Eltern sie versorgen. So wie sich die Infektionszahlen aber zuletzt entwickelt haben, entschied ich für mich: Ich will auf keinen Fall der sein, der das Virus trotz aller Vorsicht letztlich doch irgendwie aus der Stadt mit in die Heimat schleppt. Klar war mir auch: Es würde keine angenehme Sache sein, das meinen Eltern zu sagen. Seit mehr als 30 Jahren finden sich alle bei ihnen ein, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Und das bedeutet ihnen viel. Deshalb wollte ich nicht einfach nur sagen: “Hey, lasst uns das mal lieber nicht machen”, sondern wollte auch vorschlagen, wie es vielleicht anders gehen könnte.

Dabei kam es mir ganz gelegen, dass ich von Anfang an beim Online Facilitator Projekt als Designer mitgewirkt habe – denn hier geht es ja immer um die Frage: Wie kann man das, was man sonst normalerweise macht, bestmöglich und mit Spaß in die Online-Welt übersetzen? Im Laufe des Jahres konnte ich mir dahingehend von Karina Hagemann, Haiko Katschmarek und Michael Metzger einiges abschauen und schlug meinen Eltern vor, Weihnachten gemeinsam per Videokonferenz zu feiern. Und damit das mehr wird als eine Verlegenheitslösung, habe ich einen kleinen Plan angeregt:


Warum Up in der Küche
Egal ob in Dänemark, Berlin oder auf dem sächsischen Land – es wird so eingekauft, dass alle in etwa das gleiche auf dem Tisch haben. Und die Video Konferenz beginnen wir nicht am eingedeckten Tisch, sondern vorher in der Küche, beim gemeinsamen Essen machen. Das hat zwei Vorteile: Erstens ist das ein sehr lockerer Einstieg, ein nettes Warm Up mit erwünschter Beiläufigkeit, bei dem man etwas zusammen macht und wo es auch nicht so schlimm ist, wenn das Gespräch mal eine Pause macht oder die Internetverbindung etwas schwächelt. Das ist quasi das Gegenteil von: So, Achtung, jetzt ist Weihnachten, und wenn wir schon nicht zusammen feiern können, dann muss jetzt wenigstens diese Videokonferenz total super klappen. Und zweitens können wir endlich einmal gemeinsam das Essen vorbereiten. Das geht sonst nicht oder nur sehr begrenzt, weil meine Mama die Küche als ihr absolutes Hoheitsgebiet ansieht. Wir “Kinder” meinen hingegen, dass es gemeinsam stressfreier wäre und sich auch mehr nach “zusammen was machen” anfühlt. Das wurde in den letzten Jahren des öfteren verhandelt, entfällt dieses Jahr aber – und zwar zugunsten des gemeinsamen Kochens – bzw. einer digitalen Variante davon. Mama kann ansagen wie es läuft, die Kinder machen bei sich zu Hause nach. Oder wir teilen den Ansagen- und Nachmachen-Part auf, sodass jeder mal dran ist. Mal sehen.


Das Abendessen
Danach kann man gemeinsam dinieren. Alle haben, wie gesagt, das gleiche auf dem Tisch und das Essen wurde gemeinsam zubereitet, das verbindet. Und durch den Küchenpart dürften die meisten auch schon aufgewärmt und “drin” sein im Gespräch. Für den Fall, dass doch nur Besteck-Klappern zu hören ist, kann man sich einfach ganz normal über Neuigkeiten oder Pläne für’s kommende Jahr austauschen. Das funktioniert auch ganz gut reihum. Und olle Kamellen aufwärmen geht eh immer. “Wisst ihr noch, als sich vor ein paar Jahren am ersten Feiertag die Sicherung verabschiedet hat?”


Die Online-Bescherung 
Im Anschluss geht’s ans Auspacken der (vorher geschickten) Geschenke. Das eignet sich prima für eine Videokonferenz, weil das etwas ist, wo jeder mal “dran sein” kann, während die anderen zuschauen. Man kann sagen, was man bekommen hat und sich dann direkt bedanken. In einem Podcast habe ich neulich von der Idee gehört, dass man nach jedem Geschenk ein paar kurze Zeilen an die schenkende Person schreibt und am Ende der Bescherung diese kleinen Zettelchen zurück gibt. Das macht das ganze bewusster und man wühlt sich nicht wie im Wahn innerhalb von ein paar Minuten durch alle seine Geschenke. Fand ich sehr charmant. Eins zu eins ist das für die Video-Weihnacht vielleicht etwas zu langatmig, aber womöglich könnte man eine Abwandlung davon auch in die Online-Bescherung integrieren. Da überlege ich nochmal dran herum.


Austrudeln lassen
Nach der Bescherung kann man je nach Stimmungslage entscheiden ob man sich von den kleinen Kindern ihre Geschenke nochmal genauer zeigen und erklären lässt. Oder ob die Großeltern mal etwas leiser drehen, wenn die Kids auf Ihrem Sugar High schreiend durch die Bude rennen. Verraten wir auch keinem. Vielleicht noch einen kleinen Schnack oder ein Getränk mit den Eltern. Vielleicht auch eine herzliche Verabschiedung, denn zwei Stunden sind da wahrscheinlich schon gut und gerne rum. Und die stelle ich mir eigentlich sogar ganz schön vor, inklusive etwas frischem Wind.


Vorbereitet sein
Natürlich kann es auch sein, dass es den einen oder anderen komischen Moment gibt (ist ja immer noch ein Familienfest), Opa etwas nicht versteht oder – und das wird wohl die größte Unwägbarkeit sein – das Internet lahmt. Aber auch hierbei hilft ein wenig Vorbereitung. Man sollte auf jeden Fall mal einen gemeinsamen Techniktest gemacht haben, ggf. Schritte und Einstellungen notieren. Wir werden das am kommenden Wochenende mal probieren, Stand jetzt mithilfe von google Meet und Whereby oder MS Teams als Backup.

Neben der technischen Vorbereitung ist aber bestimmt auch ein mentales Preppen ganz hilfreich – falls das ganze wegen einer schwächelnden Internetverbindung tatsächlich nicht klappt – Erwartungsmanagement ist ja prinzipiell immer eine gute Idee. Im Falle eines Falles gibts es als Backup noch Handys oder das gute alte Festnetz, um ein bisschen zu schnacken oder beim Geschenke auspacken zuzuhören.

Die mäßige Netzqualität im Land werde ich mir übrigens auch ein bisschen zu Nutze machen. Ich habe vor einer Weile wieder damit angefangen, ab und an ein bisschen auf dem (E-) Klavier herum zu klimpern und will versuchen, der Familie – so wie früher – zu Weihnachten etwas vorzuspielen. Da ich das live aber wahrscheinlich noch nicht unfallfrei hinbekomme, werde ich vorher einen gelungenen (toi toi toi) Durchgang mit dem Handy aufnehmen, und ihn dann zum Abspielen rüberschicken. Die offizielle Begründung wird sein, dass ich dem Risiko eines eventuell stotternden Videosignals entgehen will. Wäre ja blöd wenn das mittendrin hakt. Ähem.


After Party
Wenn ich mich von der Familie verabschiedet habe, werde ich vielleicht noch das eine oder andere Telefonat mit Freunden führen, ganz bestimmt aber mit meiner Liebsten. Und wenn dann alle anderen im Bett sind, werde ich, wie jedes Jahr, noch ein Gute-Nacht-Bierchen mit meinem Bruder trinken und das Jahr Püree massieren lassen, wie Willi Nachdenklich es 2015 so schön formuliert hat. Vielleicht gibts ja sogar Schnee oder Sterne, auf die man gemeinsam schauen kann. 

Egal wie es laufen wird – es ist, wie beim Schenken, vor allem der gute Gedanke, der zählt. Und in dieser Hinsicht lässt sich dieses Jahr so einiges machen.

Ich wünsch euch allen ein frohes Fest.
Und vor allem ein gesundes neues Jahr.


Update: 13.12.
Meine Mutter hat mittlerweile eine Einkaufsliste für alle geschrieben, inkl. Tipps für Sachen, die es vorzubereiten gilt, damit dann alle im Video auch sagen können „Ich hab da schonmal was vorbereitet.“ Und mein Vater hat sich ein Weihnachtsmann-Kostüm geborgt und will damit ein Video für die Enkelkinder machen. Der Techniktest hat auch funktioniert. Läuft also erstmal bis hierhin 😉

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Titelbild Credits: HoangPts, graphics4u, aqrstudio (Envato) / Collage: Alexander Suchy