Problem 1: Überlappung von Räumen und Rollen

von | Sep 8, 2020 | Allgemein

Online passiert vieles gleichzeitig – und das ist nicht gut. Denn viele Menschen fühlen sich überfordert und tun sich schwer, die eigene Primärrolle zu finden. Beim Bestehen dieser Herausforderung kann die Frame Analysis des Sozialwissenschaftlers Erving Goffman helfen. Dieser Interpretationsansatz aus der vordigitalen Welt eignet sich vortrefflich, um die Phänomene von Online-Formaten zu interpretieren.

Jeder Mensch spielt verschiedene Rollen – und das nicht erst, seit es das Internet gibt. Mal ist man fürsorglicher Familienvater oder -mutter, mal auf Effizienz getrimmter Arbeitskollege, und dann wieder ein bunt geschminkter und gut gelaunter Hippie auf einem Festival irgendwo in Brandenburg. All diese Rollen können in einer Person angelegt sein, hat schon der Sozialwissenschaftler Erving Goffman in den 1950er Jahren herausgefunden. Doch in der Regel werden die verschiedenen Rollen nicht gleichzeitig ausgespielt. Es gibt unterschiedliche Rahmungen (englisch: Frames), die sehr eindeutig signalisieren, welche der angelegten Rollen nun als Primär-Rolle gespielt wird, und welche Rollen gerade unerwünscht sind. Eine Rahmung können die anderen Menschen sein, oder auch die Beschaffenheit der Räumlichkeiten, in denen man sich befindet. Andere Menschen sind in der Regel auch die Korrektive, die eingreifen, wenn man sich in seiner Primärrolle mal vertut: Kommt man geschminkt, laut singend und angetrunken ins Büro, dauert es wohl nur ein paar Minuten, ehe die Arbeitskolleg*innen eingreifen. Und wer mit seinen Kindern auf einer viel befahrenen Straße anfängt, Fußball zu spielen, der sieht schnell das Ordnungsamt.

Auch Online gibt es verschiedene Rollen, die wir ausspielen können. Das Problem aber ist, dass uns die Signale von außen fehlen, welche Primärrolle gerade angebracht oder erwünscht ist. Die Räumlichkeiten, in denen wir uns aufhalten, sehen ja immer gleich aus – das Homeoffice ist gleichzeitig der private Rückzugsraum und der Ort, an dem wir den Kindern die Hausaufgaben erklären. Außerdem herausfordernd ist, dass die Menschen, mit denen wir den physischen Raum teilen, zur selben Zeit in ganz anderen Framings unterwegs sind: Für die Kinder ist das Zuhause der Ort des Homeschooling oder der Spielplatz geworden, und der Partner oder die Partnerin genießt womöglich grade einen frühen Feierabend mit der Lieblingsserie. Gleichzeitig passiert am Computer vieles zugleich, weil das Gerät für viele Menschen mittlerweile einen Lebensmittelpunkt darstellt. Das bloße Am-Computer-sitzen signalisiert also noch nicht, ob man nun arbeitet, einkauft oder sich einen Konzert-Livestream anhört. 

Was hilft gegen die Überlappung von Räumen und Rollen? Eine gute Lösung ist, das soweit es geht wieder auseinanderzudividieren. Vorausgesetzt, es ist genug Platz vorhanden, können bestimmte Orte der Wohnung zu bestimmten Zeiten klaren Verwendungszwecken gewidmet werden. Schilder können darauf hinweisen, was dann an diesen Orten erwünscht ist, und was nicht. Überlappen Rollen und Räume doch einmal, lohnt es, darauf explizit hinzuweisen und dabei höflich zu bleiben. Etwa: “Entschuldige, ich befinde mich gerade in einem Videocall, ich bin gerade am Arbeiten. Was möchtest du gerne tun?” Auch ist wichtig, sich selbst immer wieder zu vergewissern: Wer bin ich grade? Was erwarten die Menschen, denen ich virtuell und denen ich analog begegne, heute von mir – und kann ich das in diesen Situationen alles gleichzeitig erfüllen? In unserer Ausbildung zum Online Facilitator lernst du beispielsweise die Methode des Rollen-Tagebuch kennen, in das man vermerkt, wann Konflikte innerhalb der eigenen Rollen (Intra-Rollenkonflikte) oder Konflikte mit den Rollen anderer Personen (Inter-Rollenkonflikte) aufgetreten sind – und wie diese aufgelöst wurden. Spannend ist es immer wieder, sich in unserer Ausbildung mit den anderen Teilnehmenden auszutauschen und zu erkennen, dass ganz unterschiedliche Strategien zur Bewältigung von Rollenkonflikten existieren, und es auch kulturell abhängig ist, wie sehr diese Konflikte akzeptiert werden.

Gegen die Gleichzeitigkeit auf dem selben Endgerät hilft vor allem eines: Multitasking vermeiden. Es gibt Software, die vor allem im Arbeitskontext gebraucht wird, etwa Office oder Indesign. Andere Software ist eher privater Natur, wie Netflix oder ein Dating-Portal. Sowohl Windows als auch Apple lassen es zu, verschiedene Benutzer einzurichten. Wer sich einen Arbeits-Benutzer und einen Privat-Benutzer einrichtet, der sortiert damit für sich schonmal aus, welche Handlungen in der einen und welche in der anderen Rolle technisch möglich sind. Notifications, zumal solche, die mitten auf dem Bildschirm aufploppen, sollten generell deaktiviert werden. Und schließlich ist es sinnvoll, hin und wieder den Computer einfach auszuschalten. So kann etwa festgelegt werden, dass der Computer generell kein Ort für Netflix ist, sondern man dafür immer das Tablet benutzt.

Über den Autor
Michael Metzger ist Mitgründer der Online Facilitator Academy. Der Design Thinking Coach und Sozialwissenschaftler arbeitet seit Jahren mit der Rahmenanalyse als Werkzeug zur Analyse gesellschaftlicher Konflikte. 2019 hat er das D.Network gegründet, ein Netzwerk für Innovations-, Organisations- und Kommunikationsberatung.

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Titelbild Credits: HoangPts, Alexander Suchy

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